Wichtige Bilanzkennzahlen
Die zentralen Kennzahlen für Vermögens-, Finanz- und Ertragslage.
Eigenkapitalquote
Verschuldungsgrad
Liquidität 2. Grades
Umsatzrentabilitaet
Anlagendeckungsgrad I
Gesamtkapitalrentabilitaet
Vorgehen bei der Bilanzanalyse
Von der Datenaufbereitung zur Interpretation.
Eine aussagekräftige Bilanzanalyse beginnt mit der Aufbereitung der Bilanzdaten: Bereinigung um Sondereffekte, Strukturierung nach betriebsnotwendigem und nicht betriebsnotwendigem Vermögen und Anpassung für Vergleichbarkeit (z. B. bei Bilanzpolitikwechsel).
Kennzahlen allein sind wenig aussagekräftig – erst der Vergleich mit Vorjahren (Zeitreihenanalyse), Branchenwerten (Benchmarking) oder Planwerten (Soll-Ist-Vergleich) liefert echte Erkenntnisse. Beachten Sie auch die Grenzen der Bilanzanalyse: Stille Reserven, Bilanzpolitik und branchenspezifische Besonderheiten können die Aussagekraft einschränken.
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Liquidität 1. bis 3. Grades, Working Capital und Anlagendeckung II im Rechenbeispiel
Alle Kennzahlen auf dieser Seite rechnen mit denselben Zahlen einer Produktions-GmbH.
Die Liquiditätsgrade setzen schnell verfügbare Mittel ins Verhältnis zu den kurzfristigen Schulden, das Working Capital zeigt denselben Abstand in Euro, und der Anlagendeckungsgrad II prüft, ob das Anlagevermögen langfristig finanziert ist. Ausgangszahlen:
| Posten | Betrag |
|---|---|
| Anlagevermögen (davon selbst geschaffene Software 40.000) | 900.000 |
| Vorräte | 300.000 |
| Forderungen aus Lieferungen und Leistungen | 410.000 |
| Sonstige Vermögensgegenstände | 30.000 |
| Liquide Mittel | 120.000 |
| Rechnungsabgrenzungsposten (davon Disagio 6.000) | 10.000 |
| Bilanzsumme | 1.770.000 |
| Eigenkapital (Vorjahr 350.000) | 520.000 |
| Rückstellungen, kurzfristig | 110.000 |
| Bankdarlehen (davon Restlaufzeit bis 1 Jahr 100.000) | 600.000 |
| Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen | 280.000 |
| Gesellschafterdarlehen, langfristig, mit Rangrücktritt | 200.000 |
| Sonstige Verbindlichkeiten | 60.000 |
| Umsatzerlöse | 3.650.000 |
| Materialaufwand | 1.900.000 |
| Abschreibungen auf das Anlagevermögen | 120.000 |
| Zinsaufwand | 30.000 |
| Steuern vom Einkommen und vom Ertrag | 75.000 |
| Jahresüberschuss | 170.000 |
| Kennzahl | Formel | Rechnung | Ergebnis |
|---|---|---|---|
| Liquidität 1. Grades | liquide Mittel ÷ kurzfristiges Fremdkapital × 100 | 120.000 ÷ 550.000 | 21,8 % |
| Liquidität 2. Grades | (liquide Mittel + kurzfristige Forderungen) ÷ kurzfristiges Fremdkapital × 100 | 560.000 ÷ 550.000 | 101,8 % |
| Liquidität 3. Grades | Umlaufvermögen ÷ kurzfristiges Fremdkapital × 100 | 860.000 ÷ 550.000 | 156,4 % |
| Working Capital | Umlaufvermögen − kurzfristiges Fremdkapital | 860.000 − 550.000 | 310.000 € |
| Anlagendeckungsgrad II | (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) ÷ Anlagevermögen × 100 | 1.220.000 ÷ 900.000 | 135,6 % |
Die Liquidität 1. Grades liegt in fast jedem Unternehmen weit unter 100 % und ist allein kein Alarmzeichen, solange Kreditlinien offen sind. Aussagekräftiger ist, ob die Liquidität 2. Grades um 100 % liegt und das Working Capital positiv ist. Ein Anlagendeckungsgrad II über 100 % heißt: Das Anlagevermögen und ein Teil des Umlaufvermögens sind mit langfristigen Mitteln finanziert.
Debitoren- und Kreditorenlaufzeit: wie schnell fließt das Geld?
Zahlungsziele in Tagen, berechnet aus Bilanz und GuV.
Die Debitorenlaufzeit sagt, nach wie vielen Tagen Kunden im Durchschnitt zahlen; die Kreditorenlaufzeit, wie lange das Unternehmen selbst seine Lieferanten warten lässt. Weil Forderungen und Lieferantenschulden die Umsatzsteuer enthalten, Umsatzerlöse und Materialaufwand aber nicht, rechnet man die GuV-Größe brutto (hier mit durchgehend 19 %):
- Debitorenlaufzeit = Forderungen aus Lieferungen und Leistungen ÷ Umsatzerlöse brutto × 365 = 410.000 ÷ 4.343.500 × 365 ≈ 34 Tage
- Kreditorenlaufzeit = Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen ÷ Materialaufwand brutto × 365 = 280.000 ÷ 2.261.000 × 365 ≈ 45 Tage
Kunden zahlen hier schneller, als die GmbH ihre Lieferanten bezahlt – gut für die Liquidität, solange keine Skonti verloren gehen. Zwei Verzerrungen sollten Sie kennen: Stichtagsbestände können saisonal untypisch sein (dann den Mittelwert aus Anfangs- und Endbestand verwenden), und Lieferantenschulden enthalten auch Rechnungen für Investitionen und Gemeinkosten, die nicht im Materialaufwand stehen.
Eigenkapitalrentabilität, EBIT, EBITDA und Cashflow
Ertragskraft und Innenfinanzierung, abgeleitet aus der GuV.
EBIT ist das Ergebnis vor Zinsen und Ertragsteuern, EBITDA zusätzlich vor Abschreibungen. Beide sind keine HGB-Posten, sondern werden aus der GuV abgeleitet – ebenso der vereinfachte Cashflow.
| Kennzahl | Rechenweg | Beispiel |
|---|---|---|
| Eigenkapitalrentabilität | Jahresüberschuss ÷ durchschnittliches Eigenkapital × 100 | 170.000 ÷ 435.000 = 39,1 % |
| EBIT | Jahresüberschuss + Ertragsteuern + Zinsaufwand − Zinserträge | 170.000 + 75.000 + 30.000 = 275.000 € |
| EBIT-Marge | EBIT ÷ Umsatzerlöse × 100 | 275.000 ÷ 3.650.000 = 7,5 % |
| EBITDA | EBIT + Abschreibungen auf das Anlagevermögen | 275.000 + 120.000 = 395.000 € |
| Cashflow (vereinfacht) | Jahresüberschuss + Abschreibungen − Zuschreibungen ± Veränderung langfristiger Rückstellungen | 170.000 + 120.000 = 290.000 € |
| Dynamischer Verschuldungsgrad | (Fremdkapital − liquide Mittel) ÷ Cashflow | (1.250.000 − 120.000) ÷ 290.000 = 3,9 Jahre |
Das durchschnittliche Eigenkapital ergibt sich aus 350.000 € zu Jahresbeginn und 520.000 € am Stichtag; das Endkapital allein würde die Rendite drücken, weil der Jahresüberschuss darin schon steckt. Der vereinfachte Cashflow zeigt die Mittel aus eigener Kraft für Tilgung, Investitionen und Ausschüttungen, ohne die Veränderung von Vorräten, Forderungen und Lieferantenschulden – die vollständige Rechnung leistet die Kapitalflussrechnung.
Strukturbilanz: Wie wird die Bilanz vor der Analyse aufbereitet?
Fälligkeiten ordnen, Posten ohne Verwertungswert kürzen, eigenkapitalähnliche Mittel offen zeigen.
Vor der Kennzahlenrechnung wird die Bilanz zu einer Strukturbilanz umgebaut: Schulden werden nach Fälligkeit sortiert, Posten, die im Ernstfall kein Geld bringen, gegen das Eigenkapital gekürzt, und eigenkapitalähnliche Mittel gesondert gezeigt.
- Fälligkeiten herstellen: Verbindlichkeiten nach den Restlaufzeitvermerken (§ 268 Abs. 5 HGB) und den Angaben zu Restlaufzeiten über fünf Jahre (§ 285 Nr. 1 HGB) aufteilen; Steuer- und die meisten sonstigen Rückstellungen kurzfristig, Pensionsrückstellungen langfristig einordnen.
- Ausschüttung umgliedern: Ist eine Ausschüttung vorgesehen oder beschlossen, gehört dieser Teil des Eigenkapitals wirtschaftlich zu den kurzfristigen Schulden.
- Posten ohne Verwertungswert kürzen: Selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände, ein aktiviertes Disagio und aktive latente Steuern lassen sich kaum zu Geld machen; man zieht sie von Vermögen und Eigenkapital ab.
- Gesellschafterdarlehen gesondert zeigen: Mit Rangrücktritt rechnen Banken sie häufig dem wirtschaftlichen Eigenkapital zu, ohne Rangrücktritt bleiben sie Fremdkapital.
| Stufe | Eigenkapital | Bilanzsumme | Quote |
|---|---|---|---|
| Bilanz wie aufgestellt | 520.000 | 1.770.000 | 29,4 % |
| − geplante Ausschüttung (wird kurzfristige Schuld) | 420.000 | 1.770.000 | 23,7 % |
| − selbst geschaffene Software und Disagio | 374.000 | 1.724.000 | 21,7 % |
| + Gesellschafterdarlehen mit Rangrücktritt | 574.000 | 1.724.000 | 33,3 % |
Durch die Umgliederung der Ausschüttung steigt das kurzfristige Fremdkapital auf 650.000 €, die Liquidität 2. Grades fällt von 101,8 % auf 86,2 %. Welche Stufe Sie berichten, hängt vom Zweck ab; wichtig ist, sie offen zu benennen und über die Jahre gleich zu rechnen.
Grenzen der Kennzahlen: was der Jahresabschluss nicht zeigt
Stichtag, Verspätung, fehlende GuV und Verpflichtungen außerhalb der Bilanz.
Kennzahlen aus dem Jahresabschluss beschreiben einen vergangenen Stichtag; über die Lage am Tag der Analyse sagen sie nur mittelbar etwas.
- Stichtagsbild: Wird ein Kredit am 30. Dezember getilgt und im Januar neu aufgenommen, verbessern sich die Quoten, ohne dass sich etwas geändert hat. Saisonbetriebe zeigen am Stichtag oft untypische Bestände.
- Verspätung: Kapitalgesellschaften müssen spätestens ein Jahr nach dem Stichtag offenlegen (§ 325 Abs. 1a HGB); externe Analysen arbeiten deshalb oft mit alten Zahlen.
- Fehlende GuV: Kleine Kapitalgesellschaften legen nur Bilanz und Anhang offen (§ 326 Abs. 1 HGB), Kleinstkapitalgesellschaften nur die Bilanz (§ 326 Abs. 2 HGB). Rentabilität, EBIT oder Laufzeiten lassen sich dann von außen nicht berechnen.
- Verpflichtungen außerhalb der Bilanz: Miet- und Leasingverträge, Bürgschaften und ähnliche Risiken stehen nur unter der Bilanz oder im Anhang (§ 251, § 268 Abs. 7, § 285 Nr. 3a HGB).
- Uneinheitliche Formeln: Was als kurzfristig, liquide oder EBITDA gilt, wird unterschiedlich abgegrenzt. Branchenvergleiche sind nur belastbar, wenn die Rechenweise bekannt ist. Methodenwechsel müssen im Anhang angegeben und begründet werden (§ 284 Abs. 2 Nr. 2 HGB) – dort lohnt sich der Blick vor jedem Jahresvergleich.
Weiterführende Seiten
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