KI im Lagebericht
KI im Lagebericht: geeignete Aufgaben, Grenzen und Regeln für den verantwortlichen Einsatz
Sprachmodelle schreiben in Sekunden Text, der wie ein Lagebericht klingt. Ein Lagebericht ist aber die Darstellung der Geschäftsführung, wird geprüft und veröffentlicht, und unrichtige Angaben können straf- und bußgeldrechtliche Folgen haben. Die Frage ist deshalb nicht, ob KI eingesetzt werden darf, sondern für welche Arbeitsschritte und mit welchen Kontrollen. Diese Seite gibt Geschäftsführung und Finanzleitung eine Aufteilung nach Aufgaben, die typischen Risiken und eine Liste von Regeln an die Hand.
Stand: 2026-10-22
Was das Recht zur KI im Lagebericht sagt
Das HGB regelt nicht, mit welchen Hilfsmitteln ein Lagebericht entsteht. Es regelt, wer ihn aufstellt — die gesetzlichen Vertreter (§ 264 Abs. 1 HGB) — und was er leisten muss (§ 289 HGB). DRS 20.31 ergänzt, dass der Bericht die Einschätzungen und Beurteilungen der Unternehmensleitung zum Ausdruck bringen muss. Ein Entwurf aus einem Sprachmodell ist damit rechtlich nichts anderes als ein Entwurf aus dem Rechnungswesen oder von der Kanzlei: Er wird erst durch die Aufstellung zum Lagebericht der Gesellschaft.
Daraus folgt zweierlei. Die Verantwortung lässt sich nicht auf die Software verlagern; die Bußgeld- und Strafvorschriften der §§ 334 und 331 HGB knüpfen an die Organmitglieder an, nicht an das Werkzeug. Und der Abschlussprüfer prüft das Ergebnis nach § 317 Abs. 2 HGB, nicht die Entstehung. Wie der Text zustande kam, wird für ihn aber relevant, wenn er beurteilen muss, ob Zahlen und Annahmen belegt sind.
Welche Aufgaben sich für KI eignen
Eine Aufteilung nach Arbeitsschritten, wie sie in der Praxis anfallen.
| Arbeitsschritt | KI geeignet? | Bedingung | Wer verantwortet |
|---|---|---|---|
| Formulieren aus vorgegebenen Fakten | ja | alle Fakten sind vorgegeben, das Modell darf keine hinzufügen | zuständige Fachperson |
| Kürzen, Vereinheitlichen, sachlichen Ton herstellen | ja | Inhalt bleibt unverändert, Änderungen sind nachvollziehbar | Finanzleitung |
| Entwurf gegen die Pflichtangaben prüfen | ja, als zweite Durchsicht | Pflichtliste nach Größenklasse, Rechtsform und Merkmalen ist vorgegeben | Finanzleitung |
| Lücken im Vorjahrestext finden | ja | Vorjahrestext und aktuelle Merkmale der Gesellschaft liegen vor | Finanzleitung |
| Form der Prognose prüfen: Richtung, Intensität, Zeitraum, Annahmen | ja | die Prognosewerte selbst stammen aus der Planung | Geschäftsführung |
| Kennzahlen berechnen | nein, nicht durch ein Sprachmodell | Rechnung in Software oder Tabellenkalkulation mit festen Formeln | Rechnungswesen |
| Beträge und Quoten in den Text einsetzen | nur übernehmen, nie erzeugen | jede Zahl stammt aus Abschluss oder Kennzahlenrechnung | Rechnungswesen |
| Prognose festlegen | nein | Entscheidung der Geschäftsführung auf Grundlage der beschlossenen Planung | Geschäftsführung |
| Risiken bewerten | nein; als Ideensammlung für Vollständigkeit allenfalls ergänzend | Grundlage ist die eigene Risikoübersicht | Geschäftsführung |
| Markt- und Branchendaten | nur mit nachprüfbarer Quelle | Modellwissen kann veraltet oder falsch sein; fremde Prognosen als solche kennzeichnen | Finanzleitung |
| Gesamtaussage zur Lage | nein | Beurteilung der Geschäftsführung nach DRS 20.58 | Geschäftsführung |
Sechs Risiken, die jede Geschäftsführung kennen sollte
Erfundene Zahlen und Fakten
Ein Sprachmodell ergänzt fehlende Angaben, wenn man es lässt: Vorjahreswerte, Prozentveränderungen, Mitarbeiterzahlen, Marktanteile. Die Werte klingen plausibel und sind im fertigen Text kaum von echten zu unterscheiden. Für den Lagebericht ist das gefährlich, weil er nach § 317 Abs. 2 HGB mit dem Jahresabschluss in Einklang stehen muss.
Vollständigkeit, die nur so klingt
Flüssiger Text verdeckt Lücken. Fehlt die Angabe zu Zweigniederlassungen oder zu Risiken aus Finanzinstrumenten, fällt das in einem gut formulierten Bericht weniger auf als in einem holprigen Entwurf.
Austauschbare Risiken
Ohne konkrete Vorgaben liefert ein Modell einen allgemeinen Risikokatalog — Konjunktur, Fachkräfte, Cyberangriffe. Gefragt sind die wesentlichen Risiken dieser Gesellschaft, beurteilt aus Sicht ihrer Leitung und abgestimmt mit der eigenen Risikoübersicht.
Werblicher Ton
Sprachmodelle neigen zu positiven Formulierungen. DRS 20.18 verlangt dagegen, dass positive und negative Aspekte nicht einseitig dargestellt werden, und DRS 20.17, dass Tatsachen und Meinungen erkennbar sind.
Veralteter Rechtsstand
Das Wissen eines Modells endet mit seinem Trainingsstand. Wer etwa die Größenklassen erfragt, kann die vor 2024 geltenden Schwellen von 6 Mio. € Bilanzsumme und 12 Mio. € Umsatzerlösen für kleine Gesellschaften erhalten statt der heutigen 7,5 und 15 Mio. €. Rechtsangaben gehören gegen den aktuellen Gesetzestext geprüft.
Vertraulichkeit
Unveröffentlichte Abschlusszahlen, Planung und Risikoeinschätzungen sind Geschäftsgeheimnisse. Als solche geschützt sind sie nach § 2 Nr. 1 GeschGehG nur, wenn angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen bestehen; bei Emittenten können sie zudem Insiderinformationen im Sinne von Art. 7 der Marktmissbrauchsverordnung sein.
Regeln für einen verantwortlichen KI-Einsatz
Eine Liste, die Geschäftsführung und Finanzleitung vor dem ersten Entwurf vereinbaren können.
- Zahlen kommen aus der Rechnung, nicht aus dem Modell: Jeder Betrag und jede Quote im Text lässt sich auf Saldenliste, Jahresabschluss oder Kennzahlenrechnung zurückführen.
- Das Modell erhält Fakten als Eingabe und darf nur diese verwenden; fehlt eine Angabe, setzt es einen sichtbaren Platzhalter statt einer Annahme.
- Prognosen, Risikobewertungen und die Gesamtaussage stammen aus Entscheidungen der Geschäftsführung und werden nicht vom Modell vorgeschlagen und übernommen.
- Rechtsangaben, Schwellenwerte und Fristen werden am aktuellen Gesetzestext geprüft.
- Jeder Abschnitt wird vollständig gelesen und von einer zuständigen Person freigegeben; wer wann freigegeben hat, ist nachvollziehbar.
- Nach der letzten Abschlussbuchung werden alle Zahlen im Text erneut abgeglichen.
- Für den genutzten Dienst sind Vertrag, Ort der Verarbeitung und die Verwendung der Eingaben geklärt; werden personenbezogene Daten verarbeitet, liegt ein Vertrag zur Auftragsverarbeitung nach Art. 28 DSGVO vor.
- Der Abschlussprüfer erfährt, wie der Text entsteht, und erhält die Nachweise für Zahlen und Annahmen wie bei jedem anderen Entwurf.
Beispiel: Fakten vorgeben, Lücken sichtbar lassen
Eingabe
Abschnitt Ertragslage. Fakten: Umsatzerlöse 48,2 Mio. € (Vorjahr 44,6 Mio. €); Materialaufwandsquote 52,1 % (Vorjahr 54,0 %); Ursache des Umsatzanstiegs: Preiserhöhungen ab März bei unveränderten Absatzmengen. Anweisung: nur diese Fakten verwenden, keine eigenen Bewertungen; fehlt eine Ursache, den Platzhalter [BITTE ERGÄNZEN] setzen.
Ergebnis
„Die Umsatzerlöse stiegen um 3,6 Mio. € oder 8,1 % auf 48,2 Mio. €. Ursache waren Preiserhöhungen ab März bei unveränderten Absatzmengen. Die Materialaufwandsquote sank von 54,0 % auf 52,1 %. [BITTE ERGÄNZEN: Ursache des Rückgangs der Materialaufwandsquote]“
Was die Durchsicht prüft
Stimmen 48,2 und 44,6 Mio. € mit der GuV überein? Ist die Veränderung richtig gerechnet (48,2 − 44,6 = 3,6; 3,6 : 44,6 ≈ 8,1 %)? Wer liefert die fehlende Ursache, und wurde nichts hinzugefügt, was nicht in der Eingabe stand?
Wie ein Sprachmodell eingesetzt wird, entscheidet über das Risiko. Eine offene Bitte wie „Schreibe die Ertragslage für eine Maschinenbau-GmbH“ lädt zum Erfinden ein. Eine geschlossene Eingabe gibt die Fakten vor und verlangt, Lücken zu markieren. Das folgende Beispiel ist fiktiv.
Was eine KI-Durchsicht leisten kann — und was nicht
Als zweiter Leser ist ein Sprachmodell nützlich, weil es einen Entwurf schnell gegen eine Liste von Anforderungen halten kann: Enthält der Prognosebericht Richtung und Intensität je Indikator, einen Zeitraum von mindestens einem Jahr und die Annahmen (DRS 20.127 und 20.128)? Ist ein bestandsgefährdendes Risiko als solches bezeichnet? Fehlt der Vergleich mit der Vorjahresprognose (DRS 20.57)? Sind zukunftsbezogene Aussagen von vergangenheitsbezogenen getrennt (DRS 20.19)?
Eine solche Durchsicht findet aber nur, was im Text fehlt oder nicht passt. Ein Risiko, das nur die Geschäftsführung kennt, eine Vertragsänderung nach dem Stichtag oder eine Planung, die intern schon überholt ist, kann sie nicht erkennen. Deshalb ersetzt sie weder die Durchsicht durch die Verantwortlichen noch die Abschlussprüfung.
So setzt lagebericht.io KI ein
- Lückenerkennung im Vorjahrestext, erprobt an einem Korpus von über 100 echten Abschlussdokumenten
- Hinweise vor der Freigabe aus zwei Quellen: 20 festen Textprüfungen mit DRS-20-Bezug sowie einer KI-Durchsicht, die Pflichtliste und Inhaltstiefe je Abschnitt betrachtet
- Zahlenabgleich erkannter Beträge und Kennzahlen mit Bilanz und GuV, als Hinweis
- Preis: 1.000 € je Gesellschaft und Geschäftsjahr, per Rechnung
- Kommentare, Änderungsverfolgung und Freigabe je Abschnitt, jeweils mit Name und Zeitpunkt
In lagebericht.io steuert ein eigenes Regelwerk, welche Abschnitte und Fragen für Ihre Gesellschaft gelten: 24 Abschnittsregeln, die Pflichtangaben, bedingte und freiwillige Angaben abhängig von Größenklasse, Rechtsform und Merkmalen unterscheiden, dazu über 200 Fragen im Katalog, von denen Sie nur die zutreffenden sehen. Die Kennzahlen berechnet die Software aus der Saldenliste. Die Formulierung je Abschnitt übernimmt ein großes Sprachmodell auf Grundlage Ihrer Angaben, die als Daten übergeben werden; offene Angaben werden als [BITTE ERGÄNZEN] markiert.
Häufige Fragen
Darf ein Lagebericht mit KI geschrieben werden?
Ja. Das HGB schreibt kein Hilfsmittel vor und verbietet keines. Aufgestellt und verantwortet wird der Lagebericht aber von den gesetzlichen Vertretern; jede Aussage muss ihre Einschätzung wiedergeben und jede Zahl zum Jahresabschluss passen.
Muss im Lagebericht stehen, dass KI beim Schreiben geholfen hat?
Das HGB verlangt keinen solchen Hinweis. Maßgeblich ist, dass die Geschäftsführung den Bericht geprüft und als ihren eigenen aufgestellt hat. Gegenüber dem Abschlussprüfer empfiehlt sich Offenheit darüber, wie der Text entsteht und woher Zahlen und Annahmen stammen.
Kann KI die Prognose für den Lagebericht erstellen?
Nein, nicht im Sinne einer Entscheidung. Die Prognose muss auf der Planung und den Annahmen der Geschäftsführung beruhen. KI kann helfen, eine vorgegebene Prognose verständlich zu formulieren und zu prüfen, ob Richtung, Intensität, Zeitraum und Annahmen genannt sind.
Woran erkennt man erfundene Angaben in einem KI-Entwurf?
Am sichersten daran, dass sie sich keiner Quelle zuordnen lassen. Prüfen Sie jede Zahl gegen Saldenliste, Jahresabschluss oder Kennzahlenrechnung und jede Tatsachenbehauptung gegen interne Unterlagen. Ein Entwurf, der Lücken mit Platzhaltern markiert, macht diese Prüfung deutlich leichter als einer, der sie mit Text füllt.
Dürfen Abschlusszahlen in einen allgemeinen KI-Dienst eingegeben werden?
Das ist vor allem eine Frage der Vertraulichkeit. Unveröffentlichte Zahlen und Planungen sind Geschäftsgeheimnisse und bei Emittenten unter Umständen Insiderinformationen. Klären Sie vorher Vertrag, Ort der Verarbeitung und die Verwendung der Eingaben, bei personenbezogenen Daten auch den Vertrag zur Auftragsverarbeitung.
Prüft der Abschlussprüfer einen KI-Entwurf anders?
Der Maßstab bleibt § 317 Abs. 2 HGB: Einklang mit dem Jahresabschluss und den Prüfungserkenntnissen, zutreffendes Bild der Lage, zutreffende Darstellung von Chancen und Risiken. Rechnen Sie damit, dass der Prüfer nach Herkunft von Zahlen und Annahmen fragt, und halten Sie die Nachweise bereit.
Quellen und Rechtsstand
Primärquellen für die zentralen Aussagen dieser Seite. Öffnen Sie im Zweifel immer die aktuelle Fassung.
- § 264 HGB — Aufstellung durch die gesetzlichen Vertreter
- § 289 HGB — Inhalt des Lageberichts
- § 317 HGB — Abs. 2: Prüfung des Lageberichts
- § 2 GeschGehG — Geschäftsgeheimnis setzt angemessene Geheimhaltungsmaßnahmen voraus
- Art. 28 DSGVO — Auftragsverarbeitung
- DRS 20 Konzernlagebericht (DRSC) — Tz. 17 bis 19, 31, 57, 58, 127 und 128
KI für die Formulierung, Zahlen aus der Rechnung
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